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Working Mum – oder der ganz normale Wahnsinn zwischen Job und Familie

By 2. Juli 2015 No Comments

Kennt ihr den „Working Mum“ mit Sarah Jessica Parker? Natürlich ist die Story um den Sex-and-the City-Star ziemlich überzogen: Kate Reddy hat einen stressigen Job in einem Bostoner Finanzunternehmen. Und sie hat zwei Kinder und einen Mann. Ihr tägliches Leben ist ein Balanceakt zwischen Familie und Beruf – Läuse-Alarm im Business-Meeting und Schokoflecken auf dem Kostüm inklusive. Aber stellenweise trifft die Komödie um den ganz normalen Wahnsinn einer Teilzeit-Mama auch ziemlich ins Schwarze.

An meinem ersten Arbeitsalltag nach der Elternzeit zeigte Tochter Nummer 1 mir auf dem Weg zur Kita ziemlich deutlich, was sie von Mamas neuer Tagesbeschäftigung hielt: Sie kotzte sich und den Autositz voll –das erste und einzige Mal überhaupt in mittlerweile fast 6 Jahren.

Apropos spucken: Grundsätzlich sind die Kinder gerne immer genau dann krank, wenn es im Job so gar nicht passt – wenn wichtige Projekte anstehen oder gerne auch bei der Weihnachtsfeier, wenn Mama mal wieder als einzige nicht mit von der Partie ist. Während meine Kolleginnen nach dem Wochenende im Büro von coolen Parties, Shopping-Touren oder Fitness-Kursen berichten, erzähle ich von Kindergeburtstagen mit anschließendem Abstecher in die Notaufnahme und dem restlichen ganz normalen Familien-Chaos.

Statt Lippenstift, Handcreme und Nagelfeile steckt in der Handtasche einer Mutter immer mindestens eine Windel, ein Schnuller, eine Obstquetsche (für alle Nicht-Mütter: Fruchtpüree, portionsweise abgepackt) und ganz wichtig: Feuchttücher. Das ist auch bei mir nicht anders, selbst wenn ich auf dem Weg ins Büro bin.

Aber es gibt auch ganz viele positive Aspekte: Natürlich ist es für mich toll, an einem strahlend schönen Sommertag mittags das Büro zu verlassen, um den Rest des Tages mit meinen Kindern zu verbringen. Auch wenn die Nachmittage mit zwei Kindern nicht immer so entspannt sind, wie meine Kollegen manchmal glauben und es durchaus Momente gibt, in denen ich mich an den Schreibtisch zurückwünsche.

Es hat beispielsweise etwas unglaublich befriedigendes, einen Arbeitsschritt ungestört und ohne Unterbrechung zu Ende führen zu dürfen …

Auch der Arbeitgeber profitiert. Moderne Arbeitgeber schätzen an Müttern im Job besonders, dass sie belastbar und häufig hoch motiviert sind. Sie sind flexibel und übernehmen neue Aufgaben ohne Berührungsängste.  Sie haben kein Problem damit, Arbeit abzugeben und zu delegieren. Durch die Kinder haben sie häufig eine ganz andere Sicht auf die Dinge. Sie gehen gerne mal einen Kompromiss ein, sind aufgeschlossen und kommunikativ.

All diese Vorzüge hat auch die Wirtschaft längst erkannt: das zeigt nicht nur der gesetzlich festgeschriebene Anspruch auf einen Betreuungsplatz als notwendige Rahmenbedingung, sondern auch die ewige Diskussion um eine bessere Förderung gut ausgebildeter Frauen durch eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Und last but not least: Die Frauenquote in Aufsichtsräten von Großunternehmen.

Ein Blick auf die Zahlen, die den Anstieg der Frauen in Teilzeit bestätigen: Laut einer Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) aus dem Jahr 2014 sind immer mehr Frauen berufstätig. Zuletzt waren rund 18 Millionen Frauen zwischen 20 und 64 Jahren berufstätig, 72 Prozent aller Frauen in dieser Altersgruppe. In Deutschland arbeiten nur sechs Prozent der Väter Teilzeit, aber 66 Prozent der Mütter. Mehr teilzeitbeschäftigte Mütter gibt es in ganz Europa nur in den Niederlanden – dort sind es 86 Prozent.

Laut einer Erhebung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans Böckler Stiftung war im Jahr 2012 ist in Deutschland rund jede zweite aktiv erwerbstätige Frau (47 Prozent) in Teilzeit beschäftigt, aber nur jeder zwölfte Mann (8 Prozent). Mehr als drei Viertel der Mütter begründen eine Teilzeitbeschäftigung mit familiären Verpflichtungen.

Auf der anderen Seite birgt ein Teilzeitjob auch Risiken: Die Mütter verdienen weniger, ihre Arbeit ist oftmals nicht existenzsichernd. Ihre Karrierechancen sind deutlich geringer und sie reiben sich trotzdem auf.  Auch mit Vorurteilen haben sie immer noch zu kämpfen. „Teilzeit“, sagt die Kasseler Soziologieprofessorin Kerstin Jürgens in einem Zeit-Artikel, „ist im Bereich hoch qualifizierter Beschäftigung schlechter angesehen. Den Frauen bleibt hier häufig nur: raus aus dem Job oder Vollzeit arbeiten und organisatorischen Stress und Kosten auf sich nehmen.“ Denn in vielen Unternehmen gibt es einen „Anwesenheitskult“. „Anwesenheit ist Voraussetzung dafür, dass man Verantwortung übertragen bekommt und Karriere macht“, sagt die Arbeits- und Familiensoziologin.

Ich schließe mich dem Plädoyer von Elke Peetz an , die das Projekt „Karriere mit Kind: 100 Probleme – 100 Lösungen“ ins Leben gerufen hat. Sie nervt es, dass der Fokus bei der Diskussion um Vereinbarkeit von Familie und Beruf immer auf den Schwierigkeiten liegt.

Erst diese Woche hatte ich ein Erlebnis, das mir mal wieder gezeigt hat, dass es als Teilzeit-Mutti wunderbare Momente gibt, die mir zeigen, dass ich mich richtig entschieden habe: Nach einem blöden Tag im Büro holte ich meine große Tochter im Kindergarten ab. Sie bemerkte meine schlechte Laune und fragte nach dem Grund dafür. Als ich ihr von meinem Arbeitstag erzählte, nahm sie mich an die Hand und machte mir einen genialen Vorschlag: Mama, lass uns einfach ein Picknick mit Schokolade, Keksen und Kakao machen. Gesagt, getan – und die Laune war gerettet – bei mir und bei meinen beiden Töchtern.